Informationsplattform Philosophische Praxis

Gerd B. Achenbach

Kurzgefaßte Beantwor- tung der Frage „Was ist Philosophische Praxis?”

Der Begriff der „Philosophischen Praxis” wurde von mir 1981 mit der weltweit ersten Gründung dieser Einrichtung geprägt.(1)

1982 konstituierte sich dann ebenfalls in Bergisch Gladbach die „Gesellschaft für Philosophische Praxis” (seit 1997: „Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis”), die sich zum Dachverband zahlreicher nationaler Gesellschaften entwickelte.

Was ist Philosophische Praxis?

Philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zur Psychotherapie. Sie ist eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben „nicht zurechtkommen” oder meinen, sie seien irgendwie „steckengeblieben”; die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber „unterfordert” fühlen weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht.

In der Philosophischen Praxis melden sich Menschen, denen es nicht genügt, nur zu leben oder bloß so durchzukommen, die sich vielmehr Rechenschaft zu geben suchen über ihr Leben und sich Klarheit zu verschaffen hoffen über dessen Kontur, sein Woher, Worin, Wohin. Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken.

Kurz: Sie suchen die Praxis des Philosophen auf, weil sie verstehen und verstanden werden wollen.

Dabei ist es nahezu nie die Kantische Frage „Was soll ich tun?”, die sie bewegt, häufig hingegen die Frage Montaignes und die lautet: „Was tue ich eigentlich?”

Dabei mag im Hintergrund die älteste philosophische Weisheit als Einsicht vorhanden sein, die Maxime des Sokrates nämlich, wonach nur ein geprüftes Leben lebenswert sei.

Womöglich meldet sie sich als schemenhafte Befürchtung, ein bloß so hingelebtes Leben sei im emphatischen Sinne ein „nicht wirklich gelebtes” Leben, ein „vertanes”, irgendwie „verpaßtes”, zerstreutes, um sich selbst gebrachtes Leben.

Schopenhauer: „Die Meisten werden, wenn sie am Ende zurückblicken, finden, daß sie ihr ganzes Leben hindurch ad interim gelebt haben, und verwundert seyn, zu sehn, daß Das, was sie so ungeachtet und ungenossen vorübergehen ließen, eben ihr Leben war, eben Das war, in dessen Erwartung sie lebten. Und so ist denn der Lebenslauf des Menschen, in der Regel, dieser, daß er, von der Hoffnung genarrt, dem Tode in die Arme tanzt.”

Wer dies als schreckliche Möglichkeit ahnt, dem mag die Belastung seines Lebens durch die philosophische Reflexion wie eine Verheißung erscheinen, indem die philosophische Haltung zum Leben tatsächlich die einer respektvollen Überforderung ist: So verleiht sie unserem Dasein Gewicht, unserem Hiersein Bedeutung und unserer Gegenwart Sinn. Üblicherweise gibt es Anlässe, die den Gast der philosophischen Praxis den Entschluß fassen ließen, das intensive Gespräch mit dem Philosophen zu suchen. Gewöhnlich sind es Enttäuschungen, unvorhergesehene oder so nicht erwartete Erfahrungen, Kollisionen mit anderen Menschen, Schicksalsschläge, Erlebnisse des Scheiterns, aufdringlich schlechte oder bloß fade Lebensbilanzen.

Soll nun allerdings bündig gesagt werden, auf welche Weise der praktische Philosoph seinem Besucher weiterhelfe üblicherweise lautet die Frage: „nach welcher Methode” verfahren werde S, so ist zu sagen, Philosophie arbeite nicht mit, sondern allenfalls an Methoden. Methodengehorsam ist Sache der Wissenschaften, nicht der Philosophie. Philosophisches Denken bewegt sich nicht in vorgefertigten Bahnen, es sucht den jeweils „richtigen Weg” vielmehr jeweils neu; bedient sich keiner Denkroutinen, sondern sabotiert sie, um über sie aufzuklären.

Auch geht es nicht darum, den Gast der Philosophischen Praxis auf eine philosophisch vorbestimmte Bahn zu bringen, sondern darum, ihm auf seinem Weg weiterzuhelfen. Auf der Seite des Philosophen setzt das übrigens die Haltung voraus, die den andern „ohne Billigung und Tadel” (Goethe) zu würdigen weiß, ohne ihm zustimmen zu müssen.

Philosophie wird auch nicht etwa „angewandt”, etwa so, daß die Angelegenheiten des Gastes mit Platon, mit Hegel oder wem sonst behandelt würden: Bücher sind keine Heilmittel, die sich verordnen ließen. Geht denn jemand zum Arzt, wenn er krank ist, um sich medizinische Vorlesungen anzuhören? Also wird auch der Besucher der Praxis vom Philosophen nicht belehrt, gar mit „klugen Worten” abgespeist, schon gar nicht mit „Theorien” bedient, sondern die Frage ist, ob der Philosoph seinerseits durch die philosophische Literatur, die er studiert hat, klug und verständnisvoll und aufmerksam wurde, ob er sich auf diesem Wege ein Sensorium für das sonst wohl Übersehene erworben hat und ob er gelernt hat, auch in abweichendem, ungewöhnlichem Denken, Empfinden und Urteilen heimisch zu werden. Denn nur als Mitdenkender und Mitempfindender vermag er seinen Besucher aus dessen Einsamkeit oder Verlorenheit zu befreien und ihn so vielleicht zu anderen Einschätzungen des Lebens und seiner Umstände zu bewegen.

Ist das nicht ebenso die Sache der Psychologen und Psychotherapeuten? — wird man fragen. Der Seelsorger auch?